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schnecke
Eine Geschichte übers Überleben
Er hatte sie vergewaltigt.
Er, ihr eigener Freund, ihr Ein und Alles. Der Mensch, den sie von ganzem Herzen liebte und dem sie vertraut hatte.
Konnte das wahr sein? Sie konnte es nicht fassen. Sie konnte es nicht glauben. Und sie wollte es nicht glauben!
Es war zu viel für sie. Sie wollte lieber glauben, dass sie sich vertan hätte, dass es an ihr liegen würde. Sie wollte alles lieber glauben, als dass ihr Freund sie gerade vergewaltigt hatte.
War es gerade gewesen? Nein, es war gestern oder? Ihr schwirrte der Kopf.
Es war so schwierig, einen Gedanken zu bilden. „Nur ein einziger Gedanke. Oder ein Gefühl? Bitte!“, Flehte sie sich an! Aber da war nichts.
Leere und gleichzeitig Verwirrung, Überforderung. Sie konnte es nicht fassen.
Aber wenn sie es nicht fassen konnte, dann gab es ja trotzdem ein Es, oder?
Sie schaute ihn an.
Lange.
Dann kamen langsam leise Worte aus ihrem Mund. Worte, die sie selbst nicht dachte, die sie nur hörte, als wäre sie in einem benachbarten Zimmer.
Worte, die sagten „Ich wollte das nicht.“ und „Ich habe doch „Nein“ gesagt.“.
Er weigerte sich, ihr zuzuhören. Er wurde wütend, sagte, das habe er nicht gemacht. Er habe das nicht gemacht.
Was habe er nicht gemacht?
Also denkt er das auch oder wie? Sie hatte das ihm doch noch gar nicht vorgeworfen.
Aber anscheinend wusste er, was sie damit sagen wollte...
Er wusste es.
Aber er sagte, er habe das nicht gemacht.
Immer wieder sagte er es.
Dann musste es ja stimmen.
Er hatte doch immer gesagt, dass er sie lieben würde. Und wenn er es jetzt abstreiten würde, musste es ja stimmen.
Versuchte sie sich einzureden.
Es funktionierte. Für eine Weile.
Doch ist der Schmerz einmal realisiert, holt er einen immer ein. Egal, wie weit man weg rennt. Oder wie stumpf und taub man wird.
Jetzt lag er am Boden. Sich zusammen krümmend und ziehend. Wimmernd. Den Kopf in den Händen. Er schluchzte. Er weinte nicht, er schluchzte. Ein trockenes Schluchzen.
Ein schmerzendes Schluchzen in ihren Ohren.
Er sagte, es tue ihm Leid und es wäre nicht seine Absicht gewesen. Er windete sich. Dort auf dem Boden. Er kauerte. Und schluchzte.
Er gab sich die Schuld. Er machte sich tiefste Vorwürfe. Er heulte, schluchzte und beachtete sie nicht.
Sie hielt ihn in den Armen.
Aber war nicht sie diejenige, die Schmerzen hatte?
War sie nicht die Geschädigte?
War sie nicht das Opfer?
Und nicht er?
Müsste nicht viel eher sie da auf dem Boden liegen und wimmern? Und er müsste sie in den Armen halten?
Warum nahm er selbst jetzt noch keine Rücksicht auf sie? Und warum tat sie es selbst nicht?
Sie liebte ihn doch.
Aber hatte er nicht auch gesagt, dass er sie lieben würde? Hätte er ihr so etwas überhaupt angetan, wenn das die Wahrheit wäre?
Jetzt jammerte er. Elendig. Wie schlecht er doch wäre. Wie nutzlos. Er zwang sie dazu, sich um ihn zu kümmern und ihm zu versichern, dass dies nicht stimme. Emotionaler Zwang.
Dabei hätte sie – ganz tief in ihrem Innern – ihn am liebsten angeschrien und ihm seine Boshaftigkeit und seine Nutzlosigkeit an den Kopf geworfen. Geschmettert.
Aber sie hielt seinen Kopf und redete ihm gut zu.
Das ist es doch, was die Gesellschaft verlangt oder nicht? In guten wie in schlechten Zeiten. Loyalität. Keine Grenzen.
Sie kämpfte mit sich. Hatte sie Grenzen? Emotionale Grenzen? Körperliche? Sexuelle? Hatte sie nicht das Recht, dass ihre Grenzen gesehen und eingehalten wurden?
Ihr wurde ganz eng um die Brust. Auch wenn es nicht seine Hände, seine Arme waren, schnürte er sie ein, ihr die Luft ab.
Sie setzte sich gerade hin. Versuchte, tief Luft zu holen. Aber es ging nicht.
Ihr Atem war flach. Unbefriedigend. Schwach. Einengend. Schmerzhaft. Jeder Versuch eines Atemzugs schmerzte.
Atmen. Atmen ist Leben. Atmen ist Überleben. Sie bekam Panik.
Aber was würden die Anderen sagen? Würden sie es glauben? Er wetterte doch sogar immer gegen Vergewaltiger. Und er war allgemein anerkannt und angesehen.
Ja okay, sie auch, aber irgendwie nahm man die Männer doch immer mehr ernst als die sogenannten Mädchen.
Sie kannte ja die Sprüche, man hört sie allzu oft: „Man muss ja auch seine Seite hören.“, „Das hat er bestimmt nicht so gemeint.“ oder „So etwas Schlimmes kannst du doch nicht behaupten!“.
Immer wieder hatte sie von Vergewaltigungsopfern gehört, die beweisen sollten, dass sie nicht lügen, dass sie die Wahrheit sagten.
Aber wie sollte sie das bitte beweisen? Sie wollte es nicht beweisen! Sie wollte es nicht beweisen müssen!
All diese Gedanken taten so weh. War nicht eben alles noch in Ordnung gewesen? Und jetzt musste sie überlegen, wie sie ihre Unschuld beweisen könnte, obwohl es doch nicht um ihre, sondern um seine Schuld ging.
Das war alles verrückt!
Und verrückt war auch, dass er da unten lag und verlangte, dass sie sich um ihn kümmerte. Dass er sich da unten als Opfer fühlte und darstellte. Als Opfer von seinem übermächtigen Penis, der manchmal angeblich für ihn denken würde.
Der Penis ist doch auch nur ein Körperteil! Körperteile können nicht denken! Außer halt der Kopf! Also war es sein Kopf und nicht sein Penis!
Er hatte die Entscheidung getroffen, das zu tun! Er hatte die Entscheidung getroffen, ihr „Nein“ zu übergehen, sie, ihre Person und ihre Integrität zu übergehen.
Er allein hatte diese Tat begangen. Er allein war schuld!
Sie schloss die Augen.
Lange.
Sie öffnete sie. Wieder ein schwirrender Kopf. Alles schwammig und taub!
Aber jetzt war wenigstens ein Gedanke da: „Raus hier! Verdammt noch mal, Paula, raus hier!“
Benommen ließ sie seinen Kopf auf den harten Boden fallen. Sein Schluchzen schrie auf.
Ohne es wirklich zu merken, stand sie auf und packte ihre Sachen. Sie musste an alles denken, was sie je mit dort hin genommen hatte. Sie durfte nichts von sich dort liegen lassen. Sie sammelte ihre Sachen, vielleicht sammelte sie sich.
Er fragte: „Was machst du da?“ Sie antwortete nicht. Er fragte immer und immer wieder. Sie sagte: „Ich packe meine Sachen!“ Leise, immer noch vorsichtig, als wäre es ein Verbrechen, was sie da machte. Und so fühlte sie sich auch. Wie eine emotionale Verbrecherin, die ihren leidenden Freund dort auf dem Boden liegen lässt und einfach gehen will.
Er wimmerte: „Geh nicht! Verlass mich nicht! Bitte! Geh nicht! Ich liebe dich doch!“ Sein Wimmern wurde zu Schluchzen. Immer lauter. Immer bestimmender. Sein Schluchzen wurde zu Befehlen.
Und sein Schluchzen nahmen ihr immer mehr von ihrem Atem weg. Er goss Zement in ihre Lunge, er zwängte sie in ein Korsett aus Stein, er hielt ihr Mund und Nase zu, er würgte sie.
Er goss Zement in ihre Lunge.
Sie stand da. Mitten im Raum. Ihre Sachen endlich zusammengesucht und sich angezogen. Es war schwer gewesen. Eine Überwindung. Und jetzt stand sie nur da.
Und er redete auf sie ein, schluchzte, bemitleidete sich selbst und befahl ihr, zu bleiben.
Er befahl es ihr.
Er befahl ihr, zu bleiben, sich selbst aufzugeben, sich selbst zu vergessen, ihn zu umsorgen, so als wäre er das Opfer. Der Täter befahl dem Opfer, sich um ihn zu kümmern.
Er liebte sie nicht! Nein, das erkannte sie jetzt!
Ihm war nur er selbst wichtig! Ihre Gefühle, ihre Bedürfnisse waren vollkommen egal!
Das war keine Liebe! Das war Hass! Liebe kennt keine Gewalt! Liebe vergewaltigt nicht!
Liebe nimmt Rücksicht, hat Respekt und möchte nur das Beste für die Geliebte.
Aber er hatte nur das Gegenteil für sie: Er sah nur sich. Er hasste sich und deshalb sie. Und deshalb vergewaltigte er sie. Das war keine Liebe! Das war eine Lüge, als er das sagte!
Und es war Hass!
Sie schaute ihn noch einmal an und sagte mit ruhiger Stimme: „Du trägst keine Liebe in dir!“ und dann schrie sie laut und energisch: „Du kennst nur den Hass!“ und trat ihm dabei mit dem Schuh direkt vor die Nase, dass es nur so krachte und das Blut rann aus seiner Nase und er schluchzte noch mehr und noch lauter, aber sie hatte sich schon umgedreht und hatte die erste Tür durchschritten.
Sie hörte ihn noch bis an die Haustür, als sie noch einmal aus tiefster Seele heraus schrie: „Ich verlasse dich, du Verräter!“ und sie knallte die Haustür, so fest es ging, zu und lief auf die Straße.
Sie lief eine Straße weiter und noch eine, ohne sich umzudrehen und ohne etwas zu bemerken oder zu fühlen.
Sie lief lange, sie wusste nicht wie lange, aber irgendwann blieb sie stehen und schaute nach oben. Es war Nacht und die Luft war klar und kalt und ihr war die Luft, die sie einatmete, noch nie so klar und rein vorgekommen.
Sie nahm einen tiefen Zug davon und brauchte ein paar Sekunden, bis sie es merkte...
Sie konnte wieder atmen.
25.1.10 02:38


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Wenn er stirbt, werde ich weinen
Doch nicht um ihn, nein nur um mich
ich gehe raus ins Dunkel und habe keine Angst
Weil in mir etwas ist, das noch woanders zittert

Wenn er stirbt werde ich weinen
Doch nicht um ihn, nein nur um mich
Ich werde weinen um mich
Weil ich nicht trauern kann und will
20.1.10 04:03


ich kann gar nicht so viel essen wie ich kotzen könnte
20.1.10 04:01


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