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schnecke
Noch mehr von Erich Fried

Die Bezeichnungen

Nicht mehr Selbstmord
denn das ist eine Verleumdung
an denen die
dieses Leben ermordet hat.

Auch Freitod nicht.
Ein Freitöter - das ist ein Staatsmann
der tötet und frei ausgeht oder ein Polizist.
Und stand es diesen Toten wirklich frei?

Und auch nicht
wie sie in Abschiedsbotschaften sagten
die einfachen Leute
sie haben den letzten Ausweg gewählt.

Wenn es der letzte war
blieb ihnen da noch die Wahl?
Und hätte es denn
einen vorletzten Ausweg gegeben?

Mit welchen Worten das Namenlose nennen?


Die Gewalt


Die Gewalt fängt nicht an
wenn einer einen erwürgt.
Sie fängt an, wenn einer sagt:
"Ich liebe dich:
Du gehörst mir!"


Die Gewalt fängt nicht an
wenn Kranke getötet werden.
Sie fängt an, wenn einer sagt:
"Du bist krank:
Du mußt tun was ich sage!"


Die Gewalt fängt an,
wenn Eltern
ihre folgsamen Kinder beherrschen
und wenn Päpste und Lehrer und Eltern
Selbstbeherrschung verlangen.


Die Gewalt herrscht dort wo der Staat sagt:
"Um die Gewalt zu bekämpfen
darf es keine Gewalt mehr geben
außer meiner Gewalt"


Die Gewalt herrscht
wo irgendwer oder irgend etwas
zu hoch ist oder zu heilig,
um noch kritisiert zu werden.


Oder wo die Kritik nichts tun darf
sondern nur reden,
und die Heiligen oder die Hohen
mehr tun dürfen als reden.


Die Gewalt herrscht dort wo es heißt:
"Du darfst keine Gewalt anwenden!"


Die Gewalt herrscht dort
wo sie ihre Gegner einsperrt
und sie verleumdet
als Anstifter zur Gewalt.


Das Grundgesetz der Gewalt lautet:
"Recht ist, was wir tun.
Und was die anderen tun,
das ist Gewalt!"


Die Gewalt kann man vielleicht nie
mit Gewalt überwinden,
aber auch nicht immer
ohne Gewalt.


Die Liebe und wir

Was soll uns die Liebe?
Welche Hilfe
hat uns die Liebe gebracht
gegen die Arbeitslosigkeit
gegen Hitler
gegen den letzen Krieg
oder gestern und heute
gegen die neue Angst
und gegen die Bombe?

Welche Hilfe
gegen alles
was uns zerstört?
Gar keine Hilfe:
Die Liebe hat uns verraten
Was soll uns die Liebe?

Was sollen wir der Liebe?
Welche Hilfe
haben wir ihr gebracht
gegen die Arbeitslosigkeit
gegen Hitler
gegen den letzten Krieg
oder gestern und heute
gegen die neue Angst
und gegen die Bombe?

Welche Hilfe
gegen alles
was sie zerstört?
Gar keine Hilfe:
Wir haben die Liebe verraten



Die Stille

Die Stille ist ein Zwitschern der nicht vorhandenen Vögel
Die Stille ist Brandung und Sog des trockenen Meeres
Die Stille ist das Flimmern vor meinen Augen im Dunkeln
Die Stille ist das Trommeln der Tänzer in meinem Ohr
Die Stille ist der Geruch nach Rauch und nach Nebel in den Ruinen an einem Kriegswintermorgen
Die Stille ist das was zwischen Nan und mir war an ihrem Sarg
Die Stille ist nicht was sie ist
Die Stille ist der Nachhall der Reden und der Versprechen
Die Stille ist der Bodensatz aller Worte
Die Stille ist das was übrigbleibt von den Schreien
Die Stille ist die Stille
Die Stille ist meine Zukunft



Die Zeit der Steine

Die Zeit der Pflanzen
dann kam die Zeit der Tiere
dann kam die Zeit der Menschen
nun kommt die Zeit der Steine

Wer die Steine reden hört
weiß
es werden nur Steine bleiben

Wer die Menschen reden hört
weiß
es werden nur Steine bleiben


Diese Leere

Wie leer ist es
da
wo etwas war
Wo was war?
Etwas
was nicht mehr da ist
Und ist es nicht mehr da?
Warum nicht?
und wirklich nicht?
Kann es nicht wieder da sein?
Darf es nicht wieder da sein?
Ist deshalb alles so leer?

Wie groß
muß gewesen sein
was da war
das alles jetzt
wenn es vielleicht nicht da ist
oder vielleicht
nicht mehr da sein wird
so leer ist das Leere in Leere
übergeht
oder untergeht
oder ruht?

Müßte Ruhe
nicht eigentlich anders sein
als das
was leer ist
und doch
kalt ist
obwohl das Leere
nicht kalt sein kann

als das
was leer ist
und doch
noch brennt
obwohl das Leere
nicht brennen kann

als das
was leer ist
und doch
den Hals zuschnürt
obwohl das Leere
den Hals nicht zuschnüren kann

Was ist es also?




Drei Fragen

Wenn Liebe
nicht länger mehr sein kann
hört sie dann
wirklich
zu sein auf?

Wenn sie
aufhören kann
zu sein
war sie dann
wirklich Liebe?

Aber wenn sie nicht aufhört
kann sie
dann wirklich
nicht länger mehr sein?



Drei Fragen zugleich


Darf ein Gedicht
in einer Welt
die an ihrer Zerrissenheit
vielleicht untergeht
immer noch einfach sein?


Darf ein Gedicht

in einer Welt
die vielleicht untergeht
an ihrer Zerrissenheit
anders als einfach sein?

Darf eine Welt
die vielleicht an ihrer
Zerrisenheit untergeht
einem Gedicht
Vorschriften machen?



Durcheinander

Sich lieben
in einer Zeit
in der Menschen einander töten
mit immer besseren Waffen
und einander verhungern lassen
Und wissen
daß man wenig dagegen tun kann
und versuchen
nicht stumpf zu werden
Und doch
sich lieben

Sich lieben
und einander verhungern lassen
Sich lieben und wissen
daß man wenig dagegen tun kann
Sich lieben
und versuchen nicht stumpf zu werden
Sich lieben
und mit der Zeit
einander töten
Und doch sich lieben
mit immer besseren Waffen



Durchlässig

In seine Sicherheiten
sind auf einmal Türen gebrochen
Schwingtüren Drehtüren Falltüren
Manche schließen nicht gut

Die Sicherheiten
sind nicht mehr ein festes Gewölbe
wo bisher nur Wand war
geben Pforten und Luken nach

Er hielt seine Sicherheiten
für seinen größten Gewinn
teuer erkauft

aber sicher nicht zu teuer
jetzt sollte er traurig sein
aber er sieht
um diese Türen
ist sein Haus reicher geworden
wie ein Traum in dem man
eintritt im zweiten Stockwerk

dann steigt man hinauf in den Keller
und fährt unten zum Schornstein hinaus
als Rauch denn
man kommt unterwegs
immer in ein Zimmer
mit einem Kamin


Mein Mond

Meine Sonne
ist scheinen gegangen
in deinem
Himmel.

Mir bleibt
der Mond
den ruf ich
aus allen Wolken.

Er will mich trösten.

Sein Licht
sei wärmer
und heller.

Nicht gelb verfärbt
daß man nur noch denkt
ans Erkalten.

Sonne komm wieder!
Der Mond ist
zu hell und
zu heiß für mich!

Ein Anruf

Ich mache die Augen zu
weil meine Wände sich biegen
Ihre Bilder sind krumm und getrübt
wie durch ein Glas gesehen

In der gebogenen Wand
wo sonst nur der Kamin ist
führt eine offene Tür
in eine Nebenzimmer voll Sonne

Dort klingelt das Telefon
Nan nimmt den Hörer auf
und sieht mich an und ruft
daß es für mich ist

Nur steht mein Telefon
in keinem Nebenzimmer
und hat auch nicht geklingelt
und Nan ist tot


Ein Menschenkenner

Er sagt
"Ich kann dich lesen
wie ein offenes Buch"
und er glaubt
dass er jedes Buch
das er liest
auch verstehen kann


Erhaltung der Materie

Jeden Morgen
werde ich einbalsamiert

Der Mund wird ausgespuehlt
mit scharfen Essenzen

Die Traeume werde vergessen
die Haare gekaemmt

die Zaehne geputzt
die Augen weiter geoefnet

Im Spiegel vor dem Rasieren
wird tief geatmet

Nach dem Rasieren
wird die Gesichtshaut verjuengt

mit Spiritus
und das Haar mit einem Zerstaeuber

Mut wird gefasst
etwas Warmes kommt in den Magen

Dann zerfalle ich weiter
dem naechsten Morgen entegegn



Erschwerung

Dich nur einmal sehen und dann nie wieder
muss leichter sein, als Dich noch einmal
und dann nie wieder sehen.

Dich noch einmal sehen und dann nie wieder
muss leichter sein, als Dich noch zweimal
und dann nie wieder sehen.

Dich noch zweimal sehen und dann nie wieder
muss leichter sein, als Dich noch dreimal
und dann nie wieder sehen.

Aber ich bin dumm und
will Dich noch viele Male sehen,
bevor ich Dich nie wieder sehen kann.


Ertrag

Hoffnung sammeln
aus lösbaren Problemen
aus Möglichkeiten
aus allem
was etwas verspricht

Die Kräfte
sparen
für das
was wirklich
zu tun ist

So wächst
im Stillen
der Vorrat
an unverbrauchter
Verzweiflung


Fragen

Wie groß ist dein Leben?
Wie tief?
Was kostet es dich?
Bis wann zahlst du?
Wie viel Türen hat es?
Wie oft hast du ein neues begonnen?
Warst du schon einmal
gezwungen um es zu laufen?
Wenn ja bist du rundherum gelaufen
im Kreis oder hast du
Einbuchtungen mitgelaufen?
Was dachtest du dir dabei?
Woran erkanntest du
dass du ganz herum warst?
Bist du mehrmals gelaufen?
War das dritte Mal wie das zweite?
Würdest du lieber
die Strecke im Wagen fahren?
oder gefahren werden?
in welcher Richtung?
von wem?


Frau Welt

Ich bin
zur Welt gekommen
und bin nun endlich
so weit
laut zu fragen
wie ich dazukomme
zu ihr zu kommen

Sie kommt
und sagt leise:
Du kommst nicht
du bist schon im Gehen


Friedensbereitschaft

Wenn die Friedensliebe
der einen
mit voller Wucht
auf die Friedensliebe
der anderen stößt
gibt es Krieg


Fügungen

Es heißt
ein Dichter
ist einer
der Worte
zusammenfügt

Das stimmt nicht

Ein Dichter
ist einer
den Worte
noch halbwegs
zusammenfügen

wenn er Glück hat

Wenn er Unglück hat
reißen die Worte
ihn auseinander


Gründlichkeit

Ein genaues
Verzeichnis anlegen
was alles
zu tun ist
und es sorgfältig prüfen
so daß keine Zeit mehr bleibt
es zu tun

Haltestelle

Die an den Haltestellen warten
Und Schatten werfen
Im Schein der Straßenlaternen
Und manchmal fast aussehen
Als wäre sie aufgehängt an ihnen

Einfach Menschen
Von der Arbeit des Tages müde
Die warten auf den Bus
Auf Zuhause
Auf ihren Abend
Die sollen leben bleiben
Und nicht sterben in einem Krieg.


Herrschaftsfreiheit

Zu sagen
"Hier herrscht Freiheit"
ist immer
ein Irrtum
oder auch
eine Lüge:

Freiheit
herrscht nicht


Himmelsqualen

Die Hölle der Heiligen ist es
aus den Seligkeiten des Himmels
hinabzuschauen
auf die immerwährenden Qualen
der Menschen auf Erden
und niemals helfen zu können
und umweht von den himmlisch kühlen
erfrischenden Düften
mitansehen und
mitfühlen und riechen zu müssen
in Ewigkeit

Hörbar

Horche
mit schärferen Ohren
dann merkst du
es endlich:
Du hörst nur
das Leben
Der Tod
hat dir
nichts zu sagen
Der Tod
kann nicht sprechen
Der Täter
spricht mit der Tat
Die Tat
spricht
mit ihren Folgen:
Die Folgen
sprechen sich frei
von jedem Anlaß
Die Lebenden sprechen
vom Sterben
nur weil sie leben:
Der nicht spricht
ist der Tod
der nicht Reden hält
der das Wort hält

Humorlos

Die Jungen
werfen
zum Spass
mit Steinen
nach Froeschen

Die Froesche
sterben
im Ernst

Ich träume

Ich träume daß ich lebe
Ich träume daß ich dich kennengelernt habe
(ganz plötzlich ganz unerwartet als wäre das möglich)
Ich träume daß wir uns lieben

Ich träume daß wir uns noch immer lieben
Ich träume daß du einen anderen Mann kennenlernst
Ich träume daß du ihn liebst aber daß du ihm sagst
daß du auch mich weiter liebhaben willst
Ich träume daß er sagt er versteht das
und wir können uns weiterhin lieben
(als wäre das möglich)

Ich träume daß er sagt er erträgt das nicht gut
(nicht ganz plötzlich und nicht ganz unerwartet)
Ich träume daß du sagst du willst versuchen
unsere Liebe in bloße Freundschaft zu verwandeln
aber daß du die Freundschaft weiterhin haben willst
Ich träume er sagt er versteht das
(als wäre das möglich)

Ich träume daß ich mich damit abgefunden habe
Ich träume daß das Leben weitergeht und die Arbeit
Ich träume daß du mit ihm über alle sprichst
und er mit dir über alles so wie du das haben wolltest
Ich träume daß er unsere Freundschaft gut erträgt
und daß wir alle wenn wir nicht gestorben sind
noch heute so weiterleben
(als wäre das möglich)


Im Verteidigungsfall

Was würden
Die letzten Worte
Der Völker sein?

"Ihr seid schuld gewesen."
"Nein ihr."
"Nein, ihr allein."


Tränencouvade

Ich habe versucht
deine Tränen
für dich
zu weinen
Aber deine Augen
sind trocken geworden
Salz und Sand
als hätte mein Weinen dich
zu einer Wüste gemacht

Was ist geblieben?

Meinen Zorn
habe ich fortgestoßen
Meine Rache
erkenne ich nicht mehr
auch wenn sie mir entgegenkommt
auf der Straße
Meine Hoffnungen
wollte ich nicht lassen
aber sie haben sich heimlich davongemacht
leiser als ich dich je
streicheln konnte

Nur die Angst
Bleibt bei mir

Kleines Beispiel

Auch ungelebtes Leben
geht zu Ende
zwar vielleicht langsamer
wie eine Batterie
in einer Taschenlampe

Aber das hilft nicht viel:
Wenn man
(sagen wir einmal)
diese Taschenlampe
nach so- und so vielen Jahren
anknipsen will
kommt kein Atemzug Licht mehr heraus
und wenn Du sie aufmachst
findest Du nur Deine Knochen
und falls Du Pech hast
auch diese
schon ganz zerfressen

Da hättest Du
genau so gut
leuchten können
5.9.07 20:31
 


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